Mehr als 25 Jahre Abgasmessungen im realen Fahrbetrieb
Ein spezielles Messsystem hat es dem Kanton Zürich über viele Jahre ermöglicht, die Abgase vorbeifahrender Fahrzeuge unter realen Verkehrsbedingungen zu messen. Die Auswirkungen des «Dieselskandals» auf unseren Strassen konnte so direkt aufgezeigt werden. Erst dessen Aufklärung und stärkere Kontrollverfahren haben nach einem verschenkten Vierteljahrhundert zu echten Verbesserungen geführt. Die Abgasmessungen haben nun ihren Zweck erfüllt und wurden mit der Messkampagne des Jahres 2025 eingestellt.
Regulierung des Schadstoffausstosses durch den Strassenverkehr
Der Strassenverkehr ist für einen sehr grossen Teil des Ausstosses von Luftschadstoffen verantwortlich. Die Regulierung dieser Emissionen obliegt dem Bund, während der Vollzug der Luftreinhalteverordnung und die Massnahmenplanung mehrheitlich an die Kantone delegiert ist. Die Euro-Abgasnormen für Fahrzeuge geben Grenzwerte zum Schadstoffausstoss vor. Diese werden bei der Marktzulassung neuer Fahrzeuge im Typenprüfverfahren im Labor unter definierten Bedingungen gemessen. Über Jahrzehnte, bis zur Einführung der Abgasnorm Euro 6d ab dem Jahr 2017, waren diese Laborprüfungen nicht sehr repräsentativ für die realen Fahrbedingungen auf unseren Strassen.
Hohe Stickoxid-Emissionen aus Dieselfahrzeugen
Stickoxid-Emissionen aus dem Strassenverkehr sind ein zentrales Problem des Gesundheitsschutzes und der Luftreinhaltung. Dieselfahrzeuge ohne wirksame Abgasreinigung stossen ein Vielfaches mehr an Stickoxiden aus als Benzinfahrzeuge. Ende der 1990er Jahre lag der Anteil an Dieselfahrzeugen in der Fahrzeugflotte im Kanton Zürich bei 3%. Über die nachfolgenden 20 Jahre stieg er auf knapp 30%. Gleichzeitig wurden die Grenzwerte für Stickoxid-Emissionen bei neueren Abgasnormen fortlaufend verschärft, um einen Absenkpfad des Schadstoffausstosses zu bewirken. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die Luftbelastung durch Stickstoffdioxid nicht so stark sank, wie aufgrund des Absenkpfades erwartet werden konnte.
Langjährige Abgasmessungen im realen Fahrbetrieb
Um genau hinzuschauen, hat das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich über mehr als 25 Jahre den Schadstoffausstoss der Fahrzeugflotte im realen Fahrbeitrieb gemessen. Dafür wurde ein innovatives Messverfahren – der sogenannte «Remote Sensing Detector», kurz RSD – eingesetzt.
Bei einer Messung durchqueren vorbeifahrende Fahrzeuge eine Lichtschranke. Durch Absorption des Lichtes von verschiedenen Wellenlängen durch die ausgestossenen Schadstoffe wird die Schadstoffkonzentration in der Abgaswolke ermittelt. Daraus kann die momentane Emission abgeleitet werden. Das RSD-Messsystem ist also fest vor Ort installiert und wartet auf vorbeifahrende Fahrzeuge, um unter den vorherrschenden Fahrbedingungen in einer Momentaufnahme die realen Emissionen zu bestimmen. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, werden viele Fahrzeuge gemessen und zu Gruppen zusammengefasst. So kann man den realen Schadstoffausstoss verschiedener Fahrzeugtypen über eine Bandbreite an gemessenen Fahrbedingungen beschreiben.
Wichtige Erkenntnisse aus der Zürcher Messreihe
Die RSD-Messungen im Kanton Zürich haben unter anderem gezeigt:
Der Stickoxid-Ausstoss von Dieselfahrzeugen lag in der Realität je nach Abgasnorm 5 bis 20-mal höher als derjenige von Benzinfahrzeugen.
Dieselfahrzeuge der Abgasnorm Euro 4 stossen auf der Strasse im Mittel 4 bis 5-mal mehr Stickoxide aus als bei der Typenprüfung zugelassen. Bei der Abgasnorm Euro 5 liegt das Verhältnis sogar 5 bis über 7-mal höher.
Dieselfahrzeuge stiessen trotz schärferer Vorgaben Anfang der 2000er Jahre mehr Stickoxide aus als in den 1990er Jahren. Über rund 20 Jahre stagnierten diese Emissionen trotz weiterer Grenzwert-Verschärfungen auf hohem Niveau bis zur Aufdeckung des Dieselskandals. Nach dessen Aufdeckung mussten die Manipulationen der Abgasreinigungssoftware in vielen Fällen per Update behoben werden. Vor allem wurde das Europäische Prüfverfahren zur Marktzulassung ab der Abgasnorm Euro 6d verbessert und um Messungen im realen Fahrbetrieb ergänzt.
Dies führte seither zu deutlichen Verbesserungen und der Einhaltung der Grenzwerte neuerer Fahrzeuge auch auf der Strasse. Die RSD-Messreihe konnte daher eine längst überfällige positive Entwicklung bestätigen: die durchschnittlichen Emissionen der Dieselfahrzeuge im Kanton Zürich sanken ab dem Jahr 2016. Ungefähr im Jahr 2023 lag die mittlere Stickoxid-Emission der Fahrzeugflotte wieder auf dem gleichen Niveau wie 20 Jahre zuvor. Die letzte RSD-Messkampagne im Jahr 2025 ergab erstmals seit einem knappen Vierteljahrhundert tiefere mittlere Stickoxid-Emissionen der gemessenen Fahrzeugflotte als zu Beginn des Jahrtausends. Diese Entwicklung widerspiegelt sich ebenfalls in der Luftbelastung mit Stickstoffdioxid, welche seit ca. 2016 deutlicher sinkt.
Stellenwert der Messreihe
Die langjährigen Abgasmessungen im realen Fahrbetrieb halfen beim Erkennen von Fehlentwicklungen und Verbesserungen im Kanton Zürich. Sie dienten dem Ziel, eine realistischere Grundlage für die Planung und den Vollzug sowie die Wirkungskontrolle von Luftreinhalte-Massnahmen zu erarbeiten. Nicht zuletzt konnten mit der in dieser Form weltweit einzigartigen langjährigen Messreihe die Auswirkung des sogenannten «Dieselskandals» direkt aufgezeigt werden. Nach dessen Aufdeckung wurde deutlich, dass viele Hersteller Manipulationen der Abgasreinigungssysteme von Dieselfahrzeugen durch die Motorensteuerungssoftware eingebaut hatten. Diese erkannte, ob sich das Fahrzeug in einer Typenprüf-Messung im Labor befand und betrieb das Abgasreinigungssystem wirksam. Ausserhalb dieser Laborbedingungen wurde die Wirksamkeit der Abgasreinigung gedrosselt. Dies betraf viele Diesel-Fahrzeugtypen verschiedener Hersteller, vor allem der Abgasnormen Euro 4 und Euro 5. Die Ergebnisse halfen, die Emissionsbilanzierung realistischer zu machen und stiessen weitere Messkampagnen in anderen Kantonen, beim Bund sowie international an. Sie flossen auch in wissenschaftliche Studien über spezifische Fragen wie dem Anteil hochemittierender Fahrzeuge am gesamten Fahrzeugbestand oder dem Einfluss der Fahrzeugalterung auf die Emissionen ein.
Ein Kapitel schliesst sich
Der Kanton Zürich hat sich erstmals Ende der 1990er Jahre mit dem RSD Messystem befasst und führte seit der Jahrtausendwende regelmässig Messkampagnen durch. Über eine Million Abgasfahnen vorbeifahrender Fahrzeuge wurden so in rund 25 Jahren im Kanton Zürich gemessen. Mehr als 600'000 Einzelmessungen stehen nach rigoroser Qualitätskontrolle in einem einzigartigen Datensatz für Auswertungen zur Verfügung. Die neueren Messungen zeigen, dass die Kontrollverfahren für Fahrzeuge bei der Marktzulassung endlich greifen. Die Stickoxid-Emissionen neuer Fahrzeuge sind gesunken. Weitere Messkampagnen würden keine neuen Erkenntnisse liefern. Deshalb sind nach Abschluss der letzten Messungen im Jahr 2025 keine weiteren Messkampagnen geplant.

